Ergebnisse

So, es ist so weit. Nach einem ziemlich anstrengenden halben Jahr habe ich mein Projekt endlich abgeschlossen. Die Masterarbeit ist eingereicht und ich hoffe, dass es reichen wird um eine Publikation daraus zu machen. Im Augenblick ist die fertige Masterarbeit noch nicht öffentlich verfügbar, ich werde dies aber mit meinen Betreuern klären und dann ggf. bekanntgeben wie und wo die ganze Arbeit erhältlich ist.

Bis dahin gibt es hier einen kurzen Abriss über die Ergebnisse. Vorab: Ich habe hier versucht mich möglichst einfach auszudrücken, an vielen Stellen rutsche ich aber in den Fachjargon ab. Ich bitte dies zu verzeihen. Ich habe hier auch keine Zitate eingefügt und lasse auch einige Skalen und Begriffe unerklärt. Dies alles ist Zeitmangel geschuldet, es würde einfach ewig dauern, wenn ich den Ergebnissteil meiner Masterarbeit noch einmal komplett auf Deutsch schreiben würde. Daher bitte ich um Geduld bis ich die gesamte Arbeit mit allen Ergebnissen und Daten zur Verfügung stellen kann, wenn es ganz doll brennt stehe ich auch für Fragen zur Verfügung.

Die Gene:

Es ließ sich Tatsächlich ein Unterschied bei den Einzelnucleotidpolymorphismen (SNPs) finden. Die AA-Variante von rs53576 war im Verhältnis etwa doppelt so häufig bei den nicht-monogamen Probanden (21.5%) zu finden wie bei den Monogamen (11.1%).

GENE

Heißt das jetzt, man kann anhand der Gene voraussagen ob jemand polyamor lebt? – Nein, selbstverständlich nicht, dies war aber, trotz der hartnäckig geäußerten Sorge, nie zu erwarten. In einem logistischen Regressionsmodell war der Computer nicht in der Lage anhand der Gen-Daten vorherzusagen, ob ein Proband monogam war oder nicht.  Alle, die Sorge hatten, man könne ihrem Liebesleben mit heimlich gesammelten Gen-Proben auf die Schliche kommen, können beruhigt aufatmen. Dies wird auch weiterhin viel leichter über Facebook zu bestimmen sein.

Es bleibt zu sagen, dass rs53576-A das „Risikoallel“ dieses SNPs ist, es ist unter anderem mit weniger Empathie, Anfälligkeit gegenüber Stress und einem höheren Risiko für Autismus assoziiert.  Dies lässt die Poly-Stichprobe in einem etwa ungünstigen Licht dastehen, aber es bleibt darauf zu verweisen, dass eben auch 78.5% der Poly-Stichprobe nicht zwei dieser Allele hatte.

Eine Möglichkeit diesen zu Befund zu deuten ist, dass jemand, der weniger empathisch ist, aber reflektiert genug dies zu wissen, einen weniger emotionalen Bezug zu Liebesbeziehungen entwickeln mag. Dieser eher rationale Zugang zu dem Thema macht Eifersucht vielleicht zu einem geringeren Thema und es ist möglicherweise leichter über alternative Beziehungsformen wertneutral nachzudenken.

 

Was haben wir noch?

Auch der Online-Fragebogen hat einige interessante, und teilweise auch überraschende Dinge zu Tage gefördert.

Eine der im Fragebogen verwendeten Skalen war der „Bochumer Bindungsfragebogen“. Dieser Fragt den Bindungsstil nach Anisworth auf den Dimensionen „Angst“ und „Vermeidung“ ab. Aus den beiden Skalen lassen sich vier tendenzielle Bindungsstile ableiten: Sicher, unsicher vermeidend, unsicher permissiv und unsicher ambivalent gebunden. Bonding

Eine der Hypothesen war, dass nicht-monogame Probanden häufiger unsicher-vermeidend gebunden sein könnten. Dieser Bindungsstil könnte gut zu nicht-monogamen Beziehungen passen, da er mit wenig Angst und einem hohen Maß an Autonomiebedürfnis einhergeht. In der Tat zeigten sich nicht-monogame Probanden als weniger ängstlich, unterschieden sich aber nicht auf der Dimension Vermeidung. In der Regression sagte ein hohes Maß an Vermeidung sogar einen monogamen Beziehungsstil voraus. Die Daten deuten darauf hin, dass Nicht-Monogame keinesfalls unsicher gebunden sind, sondern genauso, vielleicht sogar noch mehr, eine Tendenz zur sicheren Bindung haben als Monogame.

Die sechs Liebesstile nach Lee „Eros“, „Ludus“, „Storge“, „Pragma“, „Mania“ und „Agape“ MEIL.pngwurden ebenfalls abgefragt. In der nicht-monogamen Gruppe war Ludus stärker ausgeprägt, während Mania, Pragma und Agape geringere Werte zeigten. Storge unterschied sich nicht. In der Regression zeigten sich die Effekte sehr ähnlich, allerdings kam hier Eros noch als signifikanter Prädiktor dazu.

Was heißt das? Nun Ludus ist die „spielerische Liebe“, die Fragen, die auf Ludus abzielten, haben offenbar den einen oder anderen Probanden ganz schön verwirrt und waren auch zugegebenermaßen für polyamor lebende Menschen wirklich nicht gut zu beantworten. Ludus ist mit eher promiskuitivem Verhalten und Beziehungen assoziiert, die wenig Commitment enthalten und in denen wenigstens ein Partner nur wenig Nähe zulässt. Zusammen mit einer weiteren Skala, der BSS (Bestätigungssuche durch sexuelle Abenteuer) wirft dies zunächst ein ziemlich stigmatisierendes, ungünstiges Licht auf nicht-monogame Beziehungsmodelle. Nun, sich sexuell voll ausleben zu können und möglichst viel Spaß zu haben ist, als Motiv nicht-monogame Beziehungen einzugehen, absolut diskutabel und kommt sicher auch häufig vor. Um aber dem Ludus-Stil ein wenig die Ehre zu retten: Lee selbst hat in seiner Originalarbeit von 1973 zwischen dem „fairen“ und dem „unfairen“ Ludus unterschieden. Seine Beschreibung des fairen Ludus dürfte für viele einvernehmlich nicht-monogam Lebende vertraut und keinesfalls diffamierend klingen. Insofern darf sich die Poly-Szene, glaube ich, ohne Schande etwas Ludus zugestehen.

Eros war als Liebesstil bei den nicht-monogamen nicht stärker ausgeprägt, scheint aber in der Regression, wenn man die anderen Variablen kontrolliert, einen Unterschied zu machen. Eros ist weniger leicht zu beschreiben als Ludus, meint aber am ehesten leidenschaftliche Hingezogenheit zum Gegenüber. Dieser Liebesstil wird mit zufriedenen Beziehungen assoziiert und ist in der Literatur recht positiv konnotiert. Man kann anhand der Daten nicht sagen, dass nicht-monogame Menschen mehr oder weniger Eros haben, aber offenbar ist es für nicht-monogame Beziehungen auch nicht weniger wichtig als für Monogame.

Storge ist der freundschaftliche Liebesstil. Es wäre durchaus anzunehmen gewesen, dass dieser Stil auch bei nicht-Monogamen einen größeren Stellenwert hätte, at er aber nicht. Um ehrlich zu sein war dies die trägste aller Subskalen in diesem Fragebogen. Sie unterschied sich nirgendwo, sagte nichts voraus, zeigte auch keine interessanten Korrelationen.

Mania, die besitzergreifende, eifersüchtige Liebe, war wenig überraschend eher etwas für die monogamen Probanden. Dieser Effekt war durchaus zu erwarten und hatte es daher sogar in eine gerichtete Hypothese in dieser sonst doch sehr explorativen Studie geschafft. Eine starke Ausprägung von Mania ist scheinbar schlichtweg inkompatibel mit Nicht-Monogamie.

Ebenso verhielt es sich mit Agape, der selbstaufopfernden Liebe und Pragma der pragmatisch-realistischen Liebe. Beides ist bei der nicht-monogamen Gruppe geringer ausgeprägt und hat eher Monogamie vorausgesagt.

Selbstaufopferung und (sexuelle) Selbstbestimmung scheinen zwar nicht unvereinbar (besonders im Hinblick, auf das was als nächstes kommt), scheinen sich aber schon ein wenig zu stoßen. Es mag also sein, dass jemand, der Liebe als die Pflicht, sich dem Partner unterzuordnen ansieht, Bedürfnisse nach einer offenen Beziehung, nicht äußert, schon gar nicht in einer mehrheitlich monogamen Gesellschaft. Andererseits könnte eine hohe Ausprägung von Agape die Chancen erhöhen, auf Wunsch eines Partners eine Beziehung zu öffnen. Da Agape aber in dieser Erhebung auch mit Mania korreliert war, wäre eine solche Beziehung vermutlich wenig harmonisch.

Bei Pragma geht es vor allem um die „Passung“, hier kommt eine Wunschliste an demografischen Faktoren, durch die sich jeder potentielle Partner erst kämpfen muss, ins Spiel. Man könnte nun argumentieren, dass die Suche nach weiteren Partnern besonders unter dem Augenmerk auf eine gute Passung stattfindet, andererseits könnte die Option, mehrere Partner mit sich ergänzenden Eigenschaften zu haben, die stringente Suche nach der Passung ebenso gut obsolet machen. Die Daten deuten eher auf zweiteres hin. Die Suche nach der Eierlegenden-Woll-Milch-Sau ist einfach weniger stressig, wenn man auf seinem Hof Platz für mehr als ein Trier hat.

Die Kurzskalen haben soweit keine besonders interessanten Ergebnisse geliefert.Trust Ich hatte einen Unterschied in Sachen Vertrauen erwartet, den es aber in dieser Stichprobe nicht gab. In der Lebenszufriedenheit unterschieden sich die Gruppen ebenso wenig, die Monogamen und Nicht-Monogamen waren mit ihrem jeweiligen Beziehungsstil, wenig überraschend, zufriedener als mit dem jeweils anderen.

Es gab einen deutlichen Hang zur Bisexualität in der nicht-monogamen Gruppe. Die rein heterosexuellen Probanden waren größtenteils monogam, was auch für die rein homosexuellen Probanden galt. BiSobald die sexuelle Präferenz sich jedoch nicht mehr auf ein Geschlecht beschränkt, sind die nicht-Monogamen in der Überzahl.  Die Acht Probanden die sich als rein homosexuell identifiziert haben, sind viel zu Wenige um repräsentativ für die Schwulen- oder Lesben-Szene zu sein. Allerdings scheint es nachvollziehbar, dass jemand mit bisexuellen Bedürfnissen Schwierigkeiten haben dürfte, diese in einer monogamen Beziehung auszuleben. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass Bisexualität Nicht-Monogamie begünstigt.

Den mit Abstand größten Vorhersagewert dafür, ob ein Proband bisher ausschließlich monogam oder auch schon nicht-monogam gelebt hat, hatte jedoch eine eher unerwartete Variable inne: BDSM. Es ist zwar jedem, der sich entweder in der BDSM- oder in derPoly-Szene bewegt, recht schnell klar, dass es eine große Überschneidung beider Subkulturen gibt, nicht zuletzt deshalb wurden die Probanden ja auch gefragt ob sie BDSM praktizieren, aber dass die Chance für BDSMler fast acht Mal höher ist auch nicht-monogam zu sein war dann doch eine Überraschung. BDSM Die wahrscheinlichste Erklärung hierfür ist der der Bisexualität recht ähnlich. In der BDSM-Szene gibt es nicht wenige Menschen, deren Neigung sowohl aktiver als auch passiver Natur sind, sogenannte Switcher. Ein Partner, der nur eine  Seite auslebt, kann in diesem Fall, ähnlich wie bei der Bisexualität, nicht alle Facetten bedienen. Natürlich könnten zwei Switcher sich zusammentun und alle Neigungen ausschließlich miteinander ausleben, außerdem kommt es auch bei Paaren mit einer eindeutigen Aktiv/Passiv-Verteilung häufig genug vor, dass Vorlieben für bestimmte Fetische oder Praktiken nicht vom Partner geteilt werden, dennoch zeigte sich in einer bisher leider noch nicht veröffentlichten Stichprobe aus der BDSM-Szene ein deutlicher Zusammenhang zwischen nicht-Monogamie und swichten. In der BDSM-Szene sind sogenannte Spielbeziehungen nicht unüblich und so war auch in dieser Stichprobe eine Tendenz zu offenen Beziehungen und Affären unterhalb der „Beziehungsschwelle“ mit BDSM korreliert.

In dieser Studie wurde auch nach bisherigen psychischen Erkrankungen gefragt. Diese Variable war auch ein signifikanter Prädiktor für nicht-Monogamie und außerdem korreliert mit Bisexualität und BDSM. Dies stellt nicht-monogame Queer-BDSMler zunächst als psychisch weniger gesund dar als monogame Hetero-Nicht-BDSMler.Path Wenn man hierzu ein wenig in der Literatur nachsieht, findet man viele Studien, die herausgefunden haben, dass BDSMler keinesfalls weniger gesund oder zufrieden mit ihrem Leben sind, Bi- und Homosexuelle aber Tatsächlich ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen haben. Hier ist die gängige Theorie, dass die Stigmatisierung und erfahrene Diskriminierung durch die Gesellschaft und auch Familien queere Menschen krank machen. Man könnte diese Theorie sicher auch auf BDSM und Nicht-Monogamie ausweiten. Für letztere ist ein deutchliches Maß der Stigmatisierung durchaus beschrieben. Leiden Menschen, die mit der sexuellen Norm brechen, also häufiger unter psychischen Erkrankungen, weil sie für ihre Andersartigkeit stigmatisiert werden? Aus der Literatur lässt sich dies ableiten, aus den Daten dieser Studie aber auf keinen Fall!

Man könnte einen nicht-monogamen Lebensstil, und sicher auch BDSM, ebenso gut als Coping-Strategien für bereits existierende Psychopathologien betrachten. Damit ist gemeint, dass Menschen mit psychologischen Auffälligkeiten sich ihr Leben so gestalten können, dass sie mit ihren Besonderheiten besser leben können. Dies kann ganz bewusst sein, sich aber auch einfach aus der Lebenserfahrung so ergeben.

Dies sind zwei Vorschläge für eine Erklärung des Befundes, dass Psychopathologie in dieser Stichprobe häufiger bei nicht-Monogamen Probanden zu finden war. Der Befund an sich ist jedoch schon an sich mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Die Antwort „Ja“ auf die Frage „Sind sie jemals in psychologsicher Behandlung gewesen, oder haben sie eine Diagnose erhalten.“ Enthält sehr wenig Information. Sie berücksichtigt nicht die Menschen, die psychisch krank, aber nicht Diagnostiziert sind, zudem trifft sie keine Aussage über die Art oder Schwere der Erkrankung. Jemand der mit 10 eine Anpassungsstörung diagnostiziert bekam, weil ein Lehrer sich nach preußischer Disziplin sehnte, steht hier auf einer Stufe mit einem schwer Depressiven, der sich jeden Morgen aufs Neue fragt, wie er den Tag schaffen soll. Empfundenes Leiden und Funktionsniveau sind hier nicht erfasst. In Sachen Lebenszufriedenheit unterscheiden sich die Gruppen jedenfalls nicht.

Hier kann ich nur sagen, dass es klüger gewesen wäre, etwas genauer zu fragen, sowohl was die BDSM-Neigungen als auch die Psychopathologie angeht.

Ein Weiterer Punkt, der vielleicht Erwähnung verdient, ist das Fremdgehen. Tatsächlich wurde mindestens einmaliges Fremdgehen in der nicht-monogamen Gruppe fast doppelt so häufig berichtet wie in der monogamen. Wenn jemand eine Tendenz zum Fremdgehen an sich feststellt, wäre es vielleicht eine patente Lösung, den Betrug vom Fremdgehen zu nehmen und offene Beziehungskonzepte anzustreben. Tatsächlich war das Fremdgehen aber positiv mit dem Aufgeben der Nicht-Monogamie und der Rückkehr zu monogamen Beziehungskonzepten korreliert. Eine Tendenz zum Fremdgehen ließ sich übrigens nicht mit den genetischen Daten in Verbindung bringen.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass es wohl eine genetische Variante des Oxytocinrezeptors gibt, die bei nicht-monogamen Probanden dieser Stichprobe häufiger vorkam. Eine kausale Einordnung dieses Befundes ist jedoch zurzeit noch nicht ohne weiteres Möglich.

Nicht-monogame Probanden waren in der Regel weniger ängstlich gebunden, eine sichere Bindung scheint für nicht-monogame Beziehungen keine geringere Bedeutung zu haben als für monogame. Die leidenschaftliche und die spielerische liebe waren in der nicht-monogamen Gruppe stärker ausgeprägt, die pragmatische, die besitzergreifende und die selbstaufopfernde Liebe hingegen typischer für die monogame Gruppe.

Einvernehmliche nicht-Monogamie scheint häufiger bei bisexuellen und BDSM-praktizierenden Menschen vorzukommen, eine mögliche Häufung von psychischen Erkrankungen steht zumindest zur Diskussion.

Abschließend sei noch zu den Skalen für die Bindungs- und Liebesstile gesagt, dass diese für monogame Probanden entwickelt wurden. Viele der Fragen waren zum Teil schwierig zu beantworten oder ergaben schlichtweg keinen Sinn für nicht-Monogame. Dies war auch vorher abzusehen, das Feedback zahlreicher Probanden hat es aber nochmal unterstrichen. Um derartige Konfusion zu vermeiden, wäre die Entwicklung von allgemeiner formulierten oder sogar auf nicht-monogame Probanden ausgelegte Skalen sicher keine schlechte Idee.

Es ist anzunehmen, dass die nicht-monogame Stichprobe sehr vielfältig ist und sich innerhalb der nicht-monogamen Subkultur verschiedene, abgrenzbare Unter-Gruppen befinden und es verschiedene „Wege in die Nicht-Monogamie“ gibt. Dies wäre sicher ein interessantes Ziel für eine nächste Untersuchung, zusammen mit einer genaueren Erhebung von Psychopathologie, BDSM und sexueller Orientierung.

Bunt Poly