Was ist Polyamorie?

Polyamorie. Was ist das denn nun eigentlich? Viele der Menschen, die sich für diese Untersuchung interessieren, werden sich mit diesem Thema vermutlich schon auf die eine oder andere Art auseinandergesetzt haben und ihre ganz eigene Antwort auf diese Frage haben. Allerdings benötigt eine Studie wie diese auch eine Kontrollgruppe, die aus Menschen besteht die sich selbst nicht als polyamor definieren würden. Um also all denen, für die das Wort Polyamorie neu ist, einen Überblick zu geben worum es in dieser Studie eigentlich geht, hier ein paar Worte dazu.

In unserer Gesellschaft sind romantische Beziehungen, die  aus genau zwei Personen bestehen, die Norm. Dieses Paarverhalten nennt man Monogamie, streng genommen serielle Monogamie, denn absolute Monogamie würde bedeuten, dass es nur einen Partner im ganzen Leben gibt. Dies wird heute nur noch von sehr wenigen Menschen so praktiziert, die meisten von uns haben in ihrem Leben durchaus mehrere verschiedene Partner. Aber eben immer nur einen zur selben Zeit.

Dem gegenüber stehen verschiedene polygame Beziehungskonzepte, die sich untereinander zum Teil auch erheblich unterscheiden. Nicht alle davon können widerspruchslos als „richtige“ Polyamorie bezeichnet werden, sind aber für diese Untersuchung genauso interessant. Die Polyamorie ist hier  als Oberbegriff gewählt, „Poly-Gen-Projekt“ klingt einfach viel besser als „Einvernehmlich-nicht-monogame-Beziehung-Gen-Projekt“.

Was alle diese Konzepte gemeinsam haben ist die Absprache aller beteiligten Partner, auf die Monogamie zu verzichten. Nicht gemeint sind heimliche Seitensprünge und Affären. Dies würde zwar auch nicht wirklich als monogames Verhalten gelten, jedoch ist für diese Untersuchung die offene und bewusste Entscheidung nicht monogam zu leben wichtig. So eine nicht monogame Beziehung kann verschieden ausgelebt werden.

Dies kann bedeuten, dass zwei Partner eine romantisch exklusive Beziehung führen und sich gegenseitig lediglich kurzfristige sexuelle Abenteuer gestatten, was wohl am ehesten als „offene Beziehung“ betitelt werden kann.

Am anderen Ende des Spektrums entstehen komplexe Netzwerke in denen jeder Partner mehrere romantische Beziehungen führt die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Ein neuer Partner ist nicht zwingend nur eine Affäre oder ein kurzfristiges Abenteuer, sondern kann dabei eine genauso feste Rolle in der gemeinsamen Lebensplanung spielen wie in jeder anderen ernsten romantischen Beziehung.

Polyamorie ist, abgesehen von dem offensichtlichen Verzicht auf Monogamie, nicht an eine Weltanschauung oder Religion gebunden. Auch die vielleicht naheliegende Assoziation zur „68er Bewegung“ ist nicht pauschal richtig. Es gibt sicher auch heute noch in der Polyamorie-Szene einige Menschen, die sich den Zielen und Werten der 68er verbunden fühlen, aber auch eben genug, bei denen man nicht im Traum darauf kommen würde, dass sie einen solchen Beziehungsstil bevorzugen, wenn das Thema nicht zufällig aufkommt.

Der Begriff Polyamorie ist also schwerlich in einem Satz zu erklären. Die Polyamorie-Szene lässt sich kaum auf etwas anderes als eben die gemeinsame Beziehungsform reduzieren. Sie ist vielseitig und bunt. Welche Menschen sich an irgendeinem Punkt in ihrem Leben in einer polyamoren Beziehung wiederfinden werden ist soweit nicht vorherzusagen.

Oder doch? Das ist die Frage, die dieser Studie zugrunde liegt. Gibt es vielleicht eine angeborene Tendenz in diese Richtung? Gibt es eine Veranlagung, die uns mit Normen brechen und nach neuen Wegen suchen lässt?

Mit der Monogamie nicht zurecht zu kommen muss nicht zwingend in der Polyamorie enden. Viele Menschen (sogar sehr viele Menschen). die eigentlich in monogamen Beziehungen leben, betrügen ihre Partner. Dies können „Ausrutscher“ sein, einmalige oder seltene Vorfälle. Oder aber das Ende einer Beziehung und der Beginn einer Neuen. Aber es gibt auch Menschen die quasi aus Gewohnheit fremdgehen, oder die nicht fremdgehen, aber sich in einer monogamen Beziehung unwohl und eingeschränkt fühlen. Dies wären sicher auch potentielle Kandidaten für polyamore Beziehungen, die aber vielleicht aus einer Vielzahl an Gründen diesen Beziehungsstil nicht für sich annehmen wollen, oder sich gar nicht dieser Option bewusst sind.

Es braucht also vermutlich eine Veranlagung und eine passende Persönlichkeit, damit jemand bewusst und offiziell polyamor leben möchte. Und hier kommt der Onlinefragebogen dieser Studie ins Spiel. Die Fragen, die hier gestellt werden, sollen dabei helfen, abzuklären ob es eben neben den entsprechenden Genen auch Persönlichkeitseigenschaften gibt, die die Entscheidung zur Polyamorie begünstigen.